{"id":31,"date":"2011-03-29T13:54:13","date_gmt":"2011-03-29T13:54:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.werner-mansholt.de\/?page_id=31"},"modified":"2011-11-05T12:50:00","modified_gmt":"2011-11-05T12:50:00","slug":"momente-des-erlebens-wolfgang-zurborn-zu-den-fotografien-von-werner-mansholt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.werner-mansholt.de\/?page_id=31","title":{"rendered":"MOMENTE DES ERLEBENS &#8211; Wolfgang Zurborn zu den Fotografien von Werner Mansholt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Werner Mansholt l\u00e4\u00dft uns mit seinen Fotografien teilhaben an einer Reise durch die ganze Welt. Australien, Jemen, Indonesien, USA, Italien, Frankreich, Portugal, Singapur und Deutschland sind Stationen auf seiner Tour d\u2019Image. Er zeigt uns dabei aber keineswegs die klassischen Motive. Die \u00fcblichen Sehensw\u00fcrdigkeiten und gro\u00dfartige Landschaftsbilder werden uns bewusst vorenthalten. Er blickt hinter die Postkartenansichten, die unsere Vorstellung dessen, was wir sch\u00f6n zu finden haben, sonst so eindeutig definieren. Die oft sehr fragmentarischen Perspektiven auf die Welt hinterlassen ein R\u00e4tsel. Der Betrachter wei\u00df nicht sofort, in welchen Teil der Welt er mit den Fotografien entf\u00fchrt wird. Diese Irritation sensibilisiert ihn aber, genauer hinzuschauen und seine eigenen Vorstellungen zu hinterfragen, die er von den L\u00e4ndern mit unterschiedlichen Kulturen hat. Werner Mansholt will uns mit seinen Fotografien nichts beweisen. Viel wichtiger ist es f\u00fcr ihn, dem Moment des Erlebens einen visuellen Ausdruck zu verleihen. Er will die Gegenwart der Orte, Menschen und Objekte sp\u00fcren. Die Reise ist f\u00fcr ihn ein Wahrnehmungszustand, offen f\u00fcr die kleinen Sensationen des Alltags. Damit setzt sich seine Fotografie ab von einem touristischen Konsumieren der Welt. G\u00fcnther Anders hat 1956 in seinem Aufsatz \u00fcber die Ikonomanie (Bildersucht) geschrieben, dass f\u00fcr die Touristen, die nach Venedig reisen, die Bilder, die sie dort vom Markusplatz machen, wichtiger seien, als die Zeit, die sie dort verbringen. Begeisterung k\u00e4me erst auf, wenn die Fotografien zu Hause auf dem Sofa in einer Diaschau gezeigt werden. Das Reproduzieren klischeehafter Motive beweise erst, dass man wirklich dort war.<\/p>\n<p>\u201eIch war hier\u201c nennt Werner Mansholt das Tableau mit vier Motiven aus dem Jemen, aus Singapur und K\u00f6ln. Schon in dieser ersten Bildzusammenstellung des Kalenders wird die fotografische Haltung des Bildermachers deutlich. Nichts in den Fotografien deutet auf einen konkreten Ort hin und schon gar nicht auf einen, den wir im herk\u00f6mmlichen Sinn sehensw\u00fcrdig finden. Dasein bedeutet in diesem Fall pr\u00e4sent sein, wach f\u00fcr die sonst \u00fcbersehenen Details aus unserem Lebensumfeld. Der Blick auf die Welt ist verstellt mit Pflanzen und Mauern und konzentriert sich auf die vergleichende Wahrnehmung von Oberfl\u00e4chen und Materialien, von Organischem mit von Menschen Geschaffenem. Natur und Kultur prallen hier aufeinander und in dem Konstrukt der Bilder wird sofort klar, dass die Fotografie hier nicht einer falschen Nat\u00fcrlichkeit fr\u00f6nt, sondern sich des subjektiven Entwurfs der Bildrealit\u00e4t bewusst ist.<\/p>\n<p>Dem Fotografen ist klar, dass er keine eindeutige Realit\u00e4t in seinen Bildern transportieren kann. Immer wird es Ebenen der Wirklichkeit geben, die verschlossen bleiben. So stecken hinter jedem der \u201eLiebesschl\u00f6sser\u201c auf der Deutzer Br\u00fccke in K\u00f6ln ganz pers\u00f6nliche Geschichten von Paaren, die auf diese Weise ihrer Sehnsucht nach ewiger Bindung Ausdruck geben. Wir k\u00f6nnen diese nur imaginieren aber nicht sehen. Die Schl\u00fcssel schwimmen im Rhein.<\/p>\n<p>Die Abfolge der Bilder im Kalender kann als eine Montage von vielf\u00e4ltigen Realit\u00e4tsebenen gesehen werden. Jedes Bild schafft einen anderen Schwerpunkt. Landschaft, Urbanit\u00e4t, Architektur, Vegetation, Mobilit\u00e4t und der Mensch zwischen Intimit\u00e4t und Distanz werden im st\u00e4ndigen Wechsel durch den sehr pr\u00e4zisen Einsatz von Licht, Farbe und Komposition zu einem dichten Bildgef\u00fcge komprimiert. Jeder Monat bringt eine \u00dcberraschung. Jedes neue Motiv l\u00e4sst den Betrachter in eine andere Welt eintauchen und das nicht nur, weil die Bilder in verschiedenen Kontinenten aufgenommen wurden. Die Vielfalt entsteht im Kopf des Fotografen und des Betrachters, in seiner subjektiven Interpretation des Gesehenen. Kein vorgegebenes Schema schafft den Rahmen f\u00fcr das Zusammenwirken der Bilder.<\/p>\n<p>Werner Mansholt nimmt sich die Freiheit, das Reisen selbst zum Thema seiner Bildstrecke zu machen. Der Wechsel der Eindr\u00fccke und Empfindungen in einer st\u00e4ndig sich \u00e4ndernden Umgebung ist in den Bildern zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>In einem fl\u00fcchtigen Moment auf der Frankfurter Zeil ist ein Bild von einer Mutter mit ihrem Kind entstanden, das ein starkes Gef\u00fchl von N\u00e4he und Geborgenheit ausstrahlt. In der R\u00fcckenansicht der Personen scheinen die beiden K\u00f6rper zu einem zu verschmelzen. Gesichter sind keine zu erkennen, aber f\u00fcr den Ausdruck der Emotionalit\u00e4t bedarf es keiner Mimik. Alleine die Sprache der K\u00f6rper und der Kleidung erz\u00e4hlt die Geschichte.<\/p>\n<p>Ein ganz anderes Zusammenwirken von K\u00f6rpern im Raum zeigt die darauf folgende Fotografie von leuchtend farbigen Autos in New York City. Das harte Sonnenlicht l\u00e4sst kr\u00e4ftige Schatten auf die Karosserien fallen und im engen Anschnitt der Aufnahme wird ein intensives Spiel von Farben, Oberfl\u00e4chen und Formen aktiviert. Herausgenommen aus der rein funktionalen Darstellung der Objekte, k\u00f6nnen diese ein Eigenleben entwickeln. Ihre Signalwirkung auf den \u00f6ffentlichen Raum steht im Vordergrund. Urbanit\u00e4t ist in diesem Bild mit minimalen Mitteln angedeutet, durch einen schmalen Streifen am oberen Bildrand mit roten und gelben Markisen von Gesch\u00e4ften und durch den Schatten von Hinweisschildern auf der K\u00fchlerhaube. Dieser Kontext ist sehr bedeutend, da erst dadurch das spannende Wechselspiel zwischen Darstellung und Wirkung geschaffen wird. Die formal-\u00e4sthetische Umsetzung des Wahrgenommenen l\u00f6st sich nicht vom Gegenstand, sondern reflektiert ihn.<\/p>\n<p>Menschen werden in den Bildern von Werner Mansholt meist in der R\u00fcckenansicht abgebildet. Mit ihnen schauen wir auf eine Szenerie, wie bei dem Rasenbowling in Whitsunday, Australien, oder haben einen weiten Blick auf eine australische Landschaft oder von einem Badeschiff in Berlin. Die Rolle des Betrachters wird in diesen Fotografien thematisiert. Die Interaktion zwischen Mensch und Ort schafft erst die Spannung der Bilder. Die idealisierte Darstellung der Landschaft allein w\u00fcrde in diesem Zusammenhang gar keinen Sinn machen. Es geht nicht um zeitlose Sch\u00f6nheit, sondern um das intensive Erleben eines Augenblicks, um die \u201eVibration des Lebendigen\u201c, wie es der Schweizer Fotograf Ren\u00e9 Burri formuliert hat. Diese Momente werden in unterschiedlicher Weise fixiert. Bei dem Rasenbowling bilden die wei\u00df gekleideten Figuren vor gr\u00fcnem Grund eine wahre Choreografie, die in humorvoller Weise eine ganze Geschichte \u00fcber diesen Sport erz\u00e4hlt. Das Bildpaar mit den beh\u00fcteten Frauen im Vordergrund arbeitet dagegen mit der Idee\u00a0 des Seriellen, mit der Wiederholung derselben Perspektive, die es dann erm\u00f6glicht, die Unterschiede der Ausblicke und Aufnahmesituationen umso genauer zu vergleichen.<\/p>\n<p>Die Bilder von Werner Mansholt leben auch von dem Gesp\u00fcr f\u00fcr die besondere Wirkung des Lichts bei der Darstellung von R\u00e4umen. Die harten Schatten bei der Architekturfotografie aus Pomarao, Portugal, lassen im Bild ein ganz neues Raumempfinden entstehen. Die abgebildeten H\u00e4user sind keine toten Objekte. Das flirrende Sonnenlicht macht sie zu Orten des Erlebens. Die Fantasie des Betrachters wird angeregt, da das Bild keine eindeutige Interpretation liefert, sondern sich als eine subjektive Konstruktion von Wirklichkeit zu verstehen gibt. Die H\u00e4user in Burano, Venedig, scheinen selbst zu Leuchtobjekten zu werden, so sehr strahlen sie im tiefstehenden Licht. Bei dem Dezemberbild aus Berlin schafft das Licht eine Verwirrung unserer Empfindung von Nat\u00fcrlichkeit und K\u00fcnstlichkeit. Die laubgr\u00fcne H\u00e4userfassade bildet einen skurrilen Hintergrund vor einer Lichtskulptur, von der man aber nicht wei\u00df, ob sie ein Baum oder aus Plastik ist. Die subtile Wahrnehmung von Lichtsituationen kann somit ganz unterschiedliche Funktionen in Bezug auf die Bildkonzeption haben, von der Konstruktion des Bildraums \u00fcber eine Irritation des Blicks bis hin zu einer stimmungsvollen Darstellung eines Ortes, wie bei dem Cafe \u201eVan Gogh\u201c in Arles.<\/p>\n<p>Eine Aufl\u00f6sung des konkreten Ortes im Bild findet bei der Fotografie in Yogyakarta, Indonesien, statt. Die Bewegung ist bei dieser Aufnahme so geschickt eingefangen, dass die Personen und ihre Rikscha scharf abgebildet sind, w\u00e4hrend der Hintergrund zu verwischten Linien und Fl\u00e4chen abstrahiert wird und im Rhythmus von hell und dunkel eine ausdrucksstarke Visualisierung von Bewegung darstellt. Hier ist zu sp\u00fcren, dass der Fotograf seine Inspirationen auch im Feld der Malerei gesucht hat, wobei ihn besonders die Arbeiten von Gerhard Richter beeindruckt haben.<\/p>\n<p>Wenn man den ganzen Bilderreigen durch das Jahr \u00fcberblickt, scheint eine Fotografie etwas aus dem Rahmen zu fallen. Wie f\u00fcgt sich der Hund im Cafe Levante in Hamburg in die Folge von Eindr\u00fccken aus aller Welt ein? Der einzige Innenraum, die einzige Aufsicht und das einzige Mal mit Blitzlicht fotografiert und trotzdem ist dem Autor das Bild so wichtig, dass es dabei sein muss. Auch hier wird eine Haltung sichtbar, die man verstehen lernt, wenn man einen Blick auf einige der gro\u00dfen fotografischen Vorbilder wirft. Bei vielen Fotografen im Feld der Street Photography taucht das Motiv des streunenden Hundes auf, wie z.B. bei Josef Koudelka und Bruce Gilden, als Ausdruck des Animalischen und des vom Instinkt Getriebenen.<\/p>\n<p>Die Kunst dieses Genres in der Fotografie besteht gerade darin, Instinkt und Intellekt nicht gegeneinander auszuspielen. Der Antrieb f\u00fcr Werner Mansholt, fotografische Bilder seiner Umwelt zu kreieren, besteht darin, eine ungez\u00e4hmte Lebendigkeit einzufangen. Dies funktioniert nur, weil er seinem Instinkt beim Akt der Aufnahme traut und alle Kenntnisse \u00fcber die Wirkung von Bildern nutzt f\u00fcr die Zusammenstellung seiner\u00a0 Fotografien, wie in diesem Kalender.<\/p>\n<p>Wolfgang Zurborn, Pr\u00e4sidiumsmitglied der Deutschen Fotografischen Akademie, K\u00f6ln, 2011<\/p>\n<p>(Quelle: MERCK-K\u00fcnstlerkalender &#8222;Darmst\u00e4dter Kalenderbl\u00e4tter 2012&#8220;)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.werner-mansholt.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/L10601531.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-347\" title=\"WernerMansholt_Merck-Kalender_L1060153\" src=\"http:\/\/www.werner-mansholt.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/L10601531.jpg\" alt=\"Liebesschl\u00f6sser, K\u00f6ln, 2010\" width=\"520\" height=\"434\" srcset=\"https:\/\/www.werner-mansholt.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/L10601531.jpg 520w, https:\/\/www.werner-mansholt.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/L10601531-300x250.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Werner Mansholt l\u00e4\u00dft uns mit seinen Fotografien teilhaben an einer Reise durch die ganze Welt. 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